JESSE MARCHANT Photocredit: Jen Steele

JESSE MARCHANT

Datum: Samstag, 02. Oktober 2021
Ort: Privatclub · Berlin ( Skalitzer Straße 85 · 10997 Berlin)
Einlass: 19:00
Beginn: 20:00

The Antelope Running Tour 2021

Jesse Marchant stammt aus Montreal in Quebec. Im zarten Alter von sieben Jahren beginnt er mit dem Gitarrespielen. Seine ersten eigenen Songs nimmt er als Teenager im Haus seiner Eltern auf.  Er zieht nach New York, wo er weitere Aufnahmen macht, die zu einem Plattenvertrag mit Partisan Records führen. Sein selbstfinanziertes Debüt „Not Even in July“ von 2008 erscheint dann regulär 2010.  Ihm folgen 2012 „Stray Ashes“, 2014 „Jesse Marchant“ und 2018 schließlich „Illusion Of Love“. Er tourt mit Nathaniel Rateliff, Rogue Wave, Avi Buffalo und Sondre Lerche, steht mit anderen Singer-Songwritern auf der Bühne, darunter St. Vincent, Elvis Perkins und dem schwedischen Sänger The Tallest Man On Earth. Viele seiner Songs sind in amerikanischen TV-Serien wie ‚Grey’s Anatomy‘, ‚Parenthood‘, ‚Shameless‘, ‚The Blacklist‘, ‚Eyewitness‘, ‚Bones‘ und anderen zu hören. Sein Sound wird oft verglichen mit Jim James, Justin Vernon, Nick Drake, Neil Young und M. Ward. Kritiker beschreiben seine Musik als „einzigartige Mischung aus Tiefe und Emotion.” 

Die Songs auf seinem am 25. Juni 2021 erscheinenden Album “Antelope Running” zeichnen ein Portrait eines Mannes, der gefühlvoll auf die eigene Vergangenheit zurückschaut. Diese zu akzeptieren und das Verlangen nach mehr sind miteinander verwoben und führen im Ergebnis zu einem Album, das nicht nur besser, sondern auch bedeutender und klarer ist als seine bisherigen Werke. Ein gutes Beispiel dafür ist der Titelsong, eine fast achtminütige Ode an einen geliebten Menschen, der an Joni Mitchells beste Zeiten erinnert. Der Songs beginnt mit Marchants Erinnerung an banale Details eines morgendlichen Laufs in Texas und endet in einer Art metaphysischer Offenbarung, als Antilopen neben seinem Auto laufen, während er durch das abendliche Wyoming fährt. Er denkt über den Tod und das Sterben nach und den Willen, dies nicht zu nah an sich heranzulassen: “I hope the night won’t fall too soon on you / I wish the same, that the night don’t come too soon for me.” Aber auch von Reue ist die Rede: “I should call you up and share these silly stories, like I never do”. Diese schwierigen Themen werden aber trotzdem mit einer fast komödiantischen Leichtigkeit vorgetragen, dass man sich unweigerlich an die alten Meister Leonard Cohen oder Bob Dylan erinnert fühlt. Mit derselben Geschicktheit verbindet Marchant klassische Liebesthemen mit beißender Kritik, wie zum Beispiel in “Century”, das einen glorreichen Tag seines Lebens beschreibt, bevor es direkt zu Sozialkritik übergeht: “I saw you scowling in the corner so I came on by / And again it would be your night to starve or feed / I said, I know you’ve been having it hard but I was hoping that for just tonight/ You could feel happy for me / All I wanted was this bright day alive without your sentiment dragging me down to your place / Wishful thinking”.

D. James Goodwin (Bob Weir, Kevin Morby, Bonny Light Horseman) hat zum dritten Mal zusammen mit Marchant produziert und auch einige Parts des Albums mit eingespielt. Die beiden schaffen es wieder einmal, einen Stil zu kreieren, der schwierig zu definieren ist. Es gibt Passagen, die an Mingus erinnern (“Antelope Running”), andere wieder an Joy Division (“Far Away”/”Heartache”) oder an Neil Young (“Hatchet Of Destiny”). Erstaunlicherweise passt diese Klang-Collage aber sehr gut zusammen, denn die Songs fügen sich trotz ihrer Unterschiede perfekt ineinander. Man kann das Album je nach Bedarf laut hören oder im Hintergrund laufen lassen, man wird immer wieder etwas finden, das einen aufhorchen lässt. Das liegt natürlich auch an Marchants markanter Stimme: Sein Bariton ist tief und klar, während er sich trotzdem mehr Freiheiten als sonst gönnt. Aber auch die Instrumentierung überrascht an einigen Stellen: Die Klarinetten-Arrangements von Stuart Bogie (Arcade Fire, Antibalas, Fela!) übernehmen ab und zu die Songs in einer wunderschönen Art, dass man ihnen einfach zuhören muss. 

Aber auch Marchants langjähriger Drummer Jason Lawrence und Bassist Logan Coale (Taylor Swift, The National, Now Ensemble) trugen ihren Teil zu den gelungenen Aufnahmen bei, die größtenteils live im September 2020 in Goodwin’s Isokon Studio in Woodstock/New York stattfanden.

Mit “Antelope Running” ist Jesse Marchant ein Album gelungen, das ihm hoffentlich bald die Anerkennung zukommen lässt, die der in New York lebende Kanadier längst verdient hat.