Vinicio Capossela

Vinicio Capossela

Datum: Donnerstag, 18. Mai 2017
Ort: Apostel-Paulus-Kirche, Berlin ( Grunewaldstraße Ecke Akazienstraße · 10823 Berlin)
Einlass: 19:00
Beginn: 20:00

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Der in Hannover geborene und in der Emilia Romagna aufgewachsene Vinicio Capossela ist ohne Zweifel Italiens schillerndster und vielseitigster Musiker.

Mit seinem monumentalen Doppelalbum Canzoni della Cupa hat Capossela nun eine Art Opus Magnum geschaffen und die Tradition des italienischen „Autorenlieds“, wie es Paolo Conte vertritt, mit den vielfältigen Formen des italienischen Folk zusammengeführt. Daß Capossela wie seit jeher auch diesmal weit in die Welt hineinhört und auch Einflüsse speziell der US-amerikanischen Rock- und Folkmusik sowie der Singer/Songwriter-Tradition verarbeitet, zeigt allein schon die beeindruckende Liste der musikalischen Gäste, die an dem zwischen 2003 und 2015 eingespielten Doppelalbum mitgewirkt haben: Die Präsenz von Calexico, Howe Gelb, Los Lobos oder des legendären Texmex-Akkordeonisten Flaco Jiménez ist auf Canzoni della Cupa nicht zu überhören. Aber auch die Doyenne der italienischen Folkmusik, Giovanna Marini, hat an dem Album mitgewirkt.

Die beiden Alben von Canzoni della Cupa heißen Polvere (Staub) und Ombre (Schatten) – man könnte auch sagen: Licht und Dunkel. „Polvere steht für die von der Sonne verursachte Trockenheit, aber auch für den existentiellen Zustand einer ruralen Welt mit einem zyklischen Zeitverständnis, das von Jahreszeiten, Geburt und Tod bestimmt ist.“ (Jazzmagazin, CH). Diese Lieder berichten vom Schweiß der Landarbeiter, von Ausbeutung und Armut, aber auch von der jahrhundertealten eigenständigen Kultur, die sich dort entwickelt hat. Wir hören Lieder der Tabakpflückerinnen (Femmine) oder einen Blues über das Schicksal eines Vagabunden (Il lamento die mendicanti). „Prunkstück von Caposselas neuer Sammlung ist zweifellos Franceschina la calitrana, ein Lied aus der Zeit, als eine heute stillgelegte Eisenbahnlinie gebaut wurde“, ein wilder Tanz, der von Flaco Jiménez‘ mitreißendem Akkordeon geprägt wird. Eine Entdeckung sind die „Sonetti“, Lieder in fester Form, die je nach Anlaß improvisiert werden.

Im zweiten Teil, Ombre, geht es um die Schattenseiten der Existenz, um das Lunare, wenn man so will, um Magie, um Ängste, um die Gespenster der Nacht. Capossela geht hier phantastischen Nachtgestalten nach, den creature della Cupa, Kreaturen, deren Gesicht man nie zu sehen bekommt, die etwas Geheimnisvolles, Magisches ausstrahlen. Überall im dörflichen Italien findet man ein Quartier der „Cupa“, einen von der Sonne vernachlässigten Ort, an dem die Fantasie und das Unterbewußtsein Legenden hervorgebracht haben, düstere Gestalten wie das „pumminale“, ein Untier, das sich schon mal in einen Werwolf verwandeln kann, das aber bei Capossela seinen Pelz innwendig trägt und zu einem, ja, Schwein geworden ist.
Capossela misst sich hier mit seinen eigenen Dämonen, der „pumminale“ trifft auf „masciara“ und „maranchino“, unheimliche Gestalten, denen man nachts lieber nicht begegnet. In Componidori begegnen wir der auf den Kopf gestellten Fastnacht mit einer Polka, deren Trompetensektion Calexico alle Ehre machen würde. Und es geht in Ombre um gescheiterte Hochzeiten, heimliche Liebschaften, auch schon mal um Abtreibungen, denn die Welt des Vinicio Capossela ist keine kuschelige, Canzoni della Cupa sind eher eine italienische Version von „Hundert Jahre Einsamkeit“.

Vinicio Capossela verbindet seine vielfältige italienische Musikwelt mit dem amerikanisch-mexikanischen Grenzbereich, also der Welt der Los Lobos und Calexico und Flaco Jiménez, hier wie da treffen wir auf ähnliche Welten, die letztlich etwas mit Globalisierung zu tun haben: Migranten, Armut, stillgelegte Eisenbahnlinien, Staub und Sand, und alles wird verbunden von einer Musik, die der Sonne abgerungen werden muß.

Vinicio Capossela ist „ein großartiger Erzähler mit einer fast schon hypnotischen Stimme, ein Erzähler, der uns wie ein Zauberer auf seine verschlungenen Pfade entführt“ (Jazz CH). Seine Konzerte gleichen Theateraufführungen, auch hier ist er Tom Waits verwandt, mit dem er immer wieder verglichen wird. Er ist ein Magier, der es liebt, mit der Sprache zu arbeiten (sein aktueller Roman Il Paese die Coppoloni war Finalist des italienischen Buchpreises „Premio Strega“), dessen Bildersprache aber wie ein Film sein eigenes Leben führt. Zweifelsohne ist Capossela ein Magier – er ist eben „Italiens faszinierendster Musikreisender“ (Mojo). Und ganz nebenbei ist Vinicio Capossela in Italien ein echter Star – sowohl sein aktuelles Album Canzoni della Cupa als auch das Vorgängeralbum Marinai, Profeti e Balene landeten auf Platz 1 der italienischen Album-Verkaufscharts.
Seit 25 Jahren verzaubert Vinicio Capossela sein Publikum, er hat unzählige Konzerte in Italien und der ganzen Welt gespielt (u.a. im Barbican London, im La Cigale Paris, in der Kölner Philharmonie, auf wichtigen Festivals), er hat Calexico als special guests auf eine große Open Air-Tournee in Italien mitgenommen und mit Calexico als Gästen 2009 den Film „La faccia della terra“ gedreht.
Kein Zweifel, Vinicio Capossela ist auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, und es gibt nur wenige Künstler weltweit, die derart vielfältige und faszinierende Könner sind. Und er bleibt ein Schelm: „Weißt du“, fragt er mit verschmitzter Unschuldsmiene, „auf meinem neuen Album habe ich einfach die alten Giant Sand mit Howe Gelb, Joey Burns und John Convertino wiedervereinigt. Ich habe sie separat aufgenommen und später zusammengemischt, sie wußten nichts davon. Also gibt es auf Canzoni della Cupa auch einen echten Giant Sand-Track…“